Gabriel Soucheyre

Variable Realities, Persistent Questions

PublicationDear … Regina Hübner, Christine Wetzlinger-Grundnig/Museum Moderner Kunst Kärnten MMKK (Editor), Verlag Johannes Heyn, Klagenfurt 2026. Monography of the exhibition Dear … Regina Hübner, MMKK, 11 March - 31 May 2026. Text on ME-YOU-HER. 

Translation German below

Regina Hübner: Variable Realities, Persistent Questions

 

Regina Hübner’s work unfolds over time with a rare sense of coherence. Across decades, media and contexts, the same question persists and mutates: what does it mean to appear, to perceive oneself, and to exist through images? Like many artists who entered video after its first experimental moment – from the early intuitions of Nam June Paik or VALIE EXPORT to the perceptual investigations of Joan Jonas, Gary Hill or Bill Viola – Hübner approaches the medium not as a tool of demonstration, but as a field of experience. Her practice does not seek answers; it carefully constructs situations where perception becomes uncertain, fragile, and therefore active.

 

From her earliest environments to her most recent ambientations, Hübner has treated video not as a surface, but as a space – a space to inhabit, to traverse, and to question. Light, sound, voice, architecture and the presence of the viewer are assembled into dispositifs where identity is never given, but always negotiated. In this, her work echoes a lineage of artists who understood video as a relational medium rather than a narrative one, closer to an experience of duration, attention and displacement than to representation. The image, in her hands, becomes less an object than a condition: something that absorbs us, isolates us momentarily, and then returns us to ourselves, slightly transformed.

 

This long trajectory finds a logical and almost inevitable development in ‘ME–YOU–HER’, her most recent work. The confrontation between Regina “in flesh and blood” and her digital double, Alikeness, may initially appear playful or ironic. The public is invited to judge, to vote, to decide which presence is more attractive. Yet very quickly, the trap reveals itself: from the outset, nothing here is truly ‘flesh and blood’. Everything is already image – framed, mediated, performed. The work subtly recalls earlier video strategies of self-confrontation and doubling, from Bruce Nauman’s closed-circuit experiments to the language-based mirrors of Gary Hill, while situating them firmly within today’s algorithmic culture.

 

What Hübner activates here is not a commentary on technology or artificial intelligence as such, but a deeper unease that has accompanied video art since its origins: the instability of presence. The digital double does not replace the artist; it mirrors her, displaces her, and exposes the fiction of authenticity we project onto images. The choice offered to the viewer is less a verdict than a mirror, reflecting our own habits of perception and belief in the ‘truth’ of appearances.

 

This final work resonates backward with another Regina Hübner's piece, ‘Perception of Self and Nonself in Life’, forming a conceptual feedback. Between these two poles, the exhibition unfolds as a meditation on variable realities. We are invited to experience ourselves as relational beings, shaped by projections, distances and transfers. Identity here is neither fixed nor singular; it is porous, multiple, and constantly renegotiated – a process rather than a state.

 

Throughout her œuvre, Hübner has shown a remarkable fidelity to this ethical and perceptual stance. She avoids spectacle, technological bravura or rhetorical excess. Her gestures are often minimal, but they are precisely calibrated. Repetition, fragmentation and silence become tools to slow down perception and sharpen attention. The viewer is not guided; they are implicated.

 

In a time when images claim autonomy, agency and even desire, Regina Hübner reminds us that video remains, at its core, a space of doubt – and that this doubt is its strength. Her work insists on a simple yet unsettling idea: we are also what we are not. Between presence and projection, between self and other, between body and image, something essential continues to circulate. It is there, in that interval, that her work finds its quiet, persistent power.

 

 

Gabriel Soucheyre, December 2025

 

Gabriel Soucheyre

Veränderliche Wirklichkeiten, beharrliche Fragen

Regina Hübner: Veränderliche Wirklichkeiten, beharrliche Fragen

 

Regina Hübners Werk entfaltet sich im Verlauf der Zeit mit ungewöhnlichem Sinn für Stimmigkeit. Über die Jahrzehnte, Medien und Kontexte hinweg verharrt und verändert sich dieselbe Frage: Was heißt es, durch Bilder in Erscheinung zu treten, durch diese sich wahrzunehmen und zu existieren? So wie viele Künstler*innen, die das Metier Video nach dessen experimenteller erster Stunde – von den frühen Eingebungen Nam June Paiks oder VALIE EXPORTs bis zu den Untersuchungen in Sachen Wahrnehmung von Joan Jonas, Gary Hill oder Bill Viola – betreten haben, nähert sich auch Hübner dem Medium nicht als einem Werkzeug der Veranschaulichung, sondern als einem Erfahrungsfeld an. Ihre künstlerische Praxis sucht nicht nach Antworten; sie konstruiert Situationen, in denen die Wahrnehmung unsicher, fragil und aus diesem Grund aktiv wird.

 

Von ihren frühesten Environments bis zu den jüngsten Ambientationen behandelt Hübner Video nicht als Oberfläche, sondern als Raum – ein Raum, der bewohnt, durchmessen und hinterfragt werden will. Licht, Ton, Stimme, Architektur und die Präsenz der Betrachter*innen werden zu Dispositiven zusammengefügt, in denen Identität nie vorgegeben, sondern stets verhandelt wird. In dieser Hinsicht hallt in ihrem Werk eine künstlerische Ahnenreihe nach, die Video weniger als Erzähl- denn als relationales Medium, und der Erfahrung von Zeitraum, Aufmerksamkeit und Abstand näher als einer Repräsentation betrachtete. Das Bild wird in ihren Händen weniger zum Objekt als zu einem Zustand: etwas, das uns in sich aufsaugt, vorübergehend isoliert und dann leicht gewandelt wieder uns selbst überantwortet.

 

Dieser langfristige Kurs findet eine logische, beinahe zwangsläufige Fortentwicklung in „ME–YOU–HER“, ihrer jüngsten Arbeit. Die Konfrontation von Regina „in Fleisch und Blut“ mit ihrem digitalem Double, Alikeness (Deutsch: Gleichheit, Anm. d. Übers.), mag zunächst spielerisch oder ironisch erscheinen. Das Publikum ist eingeladen zu beurteilen, zu wählen, zu entscheiden, welche Präsenz die attraktivere ist. Sehr schnell offenbart sich dabei jedoch die Falle: Von Anfang an ist hier nichts wirklich „aus Fleisch und Blut“. Alles ist bereits Bild – gerahmt, vermittelt, aufgeführt. Subtil ruft die Arbeit frühere Videostrategien der Selbstkonfrontation und Doppelung in Erinnerung, von Bruce Naumans Closed-Circuit-Experimenten bis zu den sprachbasierten Spiegelbildern des Gary Hill, platziert diese jedoch zugleich fest in der heutigen algorithmischen Kultur.

 

Was Hübner hier in Gang setzt, ist kein Kommentar zur Technologie oder künstlichen Intelligenz an sich, sondern ein tieferes Unbehagen, das die Videokunst seit ihren Anfängen begleitet: die Unsicherheit der Präsenz. Das digitale Double ersetzt nicht die Künstlerin; es spiegelt sie, verlagert sie und entlarvt die Fiktion von Authentizität, die wir auf Bilder projizieren. Die den Betrachter*innen gebotene Wahl ist weniger ein Urteil als ein Spiegel, der unsere eigenen Wahrnehmungsgewohnheiten und unseren Glauben an die „Wahrheit“ des Scheins reflektiert.

 

Diese neueste Arbeit strahlt zurück auf ein weiteres Werk von Regina Hübner, „Perception of Self and Nonself in Life“, um eine konzeptuelle Resonanz zu bilden. Zwischen diesen beiden Polen entfaltet sich die Ausstellung als Meditation über veränderliche Wirklichkeiten. Wir werden eingeladen, uns als relationale Wesen zu erfahren, die von Projektionen, Distanzen und Übertragungen geformt werden. Identität ist dabei weder starr noch singulär; sie ist porös, multipel und wird ständig neu verhandelt – sie ist kein Zustand, sondern ein Prozess.

 

Im Verlauf ihres Œuvres ist Hübner dieser ethischen und wahrnehmerischen Haltung bemerkenswert treu geblieben. Sie vermeidet das Spektakel, technische Bravourstücke oder rhetorischen Überfluss. Ihre Gesten sind oft minimal, sind jedoch präzise kalibriert. Wiederholung, Fragmentierung und Stille werden zu Mitteln, um die Wahrnehmung zu verlangsamen und die Aufmerksamkeit zu schärfen. Die Betrachter*innen werden nicht geleitet; sie werden verwickelt.

In einer Zeit, in der Bilder Autonomie, Handlungsmacht und sogar Begierde für sich beanspruchen, erinnert uns Regina Hübner, dass Video im Kern ein Raum des Zweifels bleibt – und dass dieser Zweifel seine Stärke ist. Ihr Werk besteht auf einem einfachen, aber beunruhigenden Gedanken: Wir sind auch das, was wir nicht sind. Zwischen Präsenz und Projektion, zwischen dem Selbst und dem Anderen, zwischen Körper und Abbild zirkuliert weiterhin etwas Essentielles. Es ist dieser Ort, dieser Zwischenraum, aus dem ihr Werk seine leise, beharrliche Kraft bezieht.

 

 

 

Gabriel Soucheyre, Dezember 2025

 

Publikation: Dear … Regina Hübner, Christine Wetzlinger-Grundnig/Museum Moderner Kunst Kärnten (Hg.), Verlag Johannes Heyn, Klagenfurt 2026. Monografie zur Ausstellung Dear... Regina Hübner, MMKK 11. März - 31. Mai 2026. Text zu ME-YOU-HER, 2026

Übersetzung: Englisch auf Deutsch von Thomas Taborsky