temps – durée. Zeit, Dauer und Stillstand. Il tempo come distanza, il tempo come permanenza.

Regina Hübner - Luca Lombardi - Arnulf Rohsmann

world I by Regina Hübner, videostill
world I by Regina Hübner, videostill

 temps – durée

 

 Zeit, Dauer und Stillstand

 

Il tempo come distanza, il tempo come permanenza

 

Regina Hübner - Luca Lombardi - Arnulf Rohsmann

 

Italian Cultural Institute Vienna

 

Palais Sternberg

 

Tuesday 21st June 2016

 

 

 

 

 

A representation with the artist Regina Hübner, composer Luca Lombardi and art historian and scientific writer Arnulf Rohsmann.

At the Auditorium of the Italian Cultural Institute in Vienna there will be shown three works made in collaboration by Hübner and Lombardi. Arnulf Rohsmann will speak about the artworks under the aspects of phenomenology of time. Luca Lombardi will introduce his music. Regina Hübner will present the project. The three protagonists will speak about the theme of time and life.

Text Luca Lombardi, Zeit-Dauer.

Together with the dialogue between Hübner, Lombardi and Rohsmann there will be staged an audio-visual installation of the works world I with Mare, person with Schattenspiel, Gruß, Nel vento, con Ariel and Terra with happen and unhappen.

Arnulf Rohsmann will connect the theme of temps – durée. Zeit, Dauer und Stillstand. Il tempo come distanza, il tempo come permanenza with the visual elements as expansion, reversal or slowing, which we can find in Hübner’s works and he will explore the connection to the aspects of time. For example, the simulated reversal in closed systems as it is manifested in works like happen and unhappen, theorizing and relating it with static and mobile times.  

In an audio-visual installation, there will be staged recorded music-compositions by Luca Lombardi in a very special combination together with video works by Regina Hübner.

 

The two artists, also related by a long year friendship, had combined video works and compositions, creating unique moments of relationships, in which each artwork connect to the other in a temporary bonding, resting at the same time the individual and independent artistic creations they are.  

 

temps – durée. Zeit, Dauer und Stillstand. Il tempo come distanza, il tempo come permanenza is a project conceived by the artist Regina Hübner, which has it’s first realisation at the Italian Cultural Institute of Vienna and which is connected with the theme of her ongoing exhibition time and person at the MMKK Museum Moderner Kunst Kärnten, the Carinthian Museum of Modern Art in Klagenfurt am Wörthersee. The project consists of a visual part, a music part and a theoretic part and will grow and expand in other Austrian and Italian cultural institutions. The documentation will be collected and published in a final document.

 

Program

temps – durée. Zeit, Dauer und Stillstand. Il tempo come distanza, il tempo come permanenza Tuesday, 21st June 2016, Italian Cultural Institute Vienna, Palais Sternberg, Vienna, Austria

world I with Mare (video and music, 18’ 30”)

World I, 2011, HD digital colour video, without sound, 2’ 49” endless repeated

Mare, 2011, for big orchestra (recording, Staatsorchester Oldenburg and Bielefelder Philharmoniker, conductor Thomas Dorsch)

Regina Hübner, introduction

Luca Lombardi, music

Arnulf Rohsmann, time

person with Schattenspiel, Gruß, Nel vento, con Ariel (video and music, 16’ 20”)

person, 2006, BW digital video, without sound, 17’ of 28’ in endless repetition, performer Vega Veridiana R.

Schattenspiel, 1984, flute (recording, Roberto Fabbriciani)

Gruß, 1994, violoncello (recording, Leonard Elschenbroich)

Nel vento, con Ariel, 2004, flute (recording, Roberto Fabbriciani)

Hübner – Lombardi – Rohsmann, dialogue

Terra with happen and unhappen (video and music, 18’ 30”)

Terra, 2007, for orchestra (recording, Orchestra Sinfonica Nazionale della Rai, conductor Frank Ollu)

happen and unhappen, 2015, HD digital colour video, sound silenced, 19’ of 20’ in real-time

 

 

Beschreibung der aufgeführten Werke

 

world I with Mare (18’ 30”)

Zu sehen ist world I, ein Video, das ein wallendes, umgekehrtes Meer zeigt, dessen Bewegungen sich in einer unendlichen Zeitdauer ausdehnen. Es ist die erste Arbeit von Regina Hübner zu einer Reihe von Beobachtungen unserer Welt in räumlicher, zeitlicher und emotionaler Beziehung.

 

Mare ist eine Komposition für großes Orchester von Luca Lombardi, aus dem Jahr 2012.

Zu hören ist die Welturaufführung des Staatsorchesters Oldenburg und Bielefelder Philharmoniker unter Dirigent Thomas Dorsch, im Jahr 2012.

Mare wurde dieses Jahr auf einer Tournee in Tel Aviv, Haifa und Jerusalem von der Israel Philharmonic Orchestra unter Gianandrea Noseda   aufgeführt.

 

world I with Mare wurde 2015 in einer multimedialen Openair Installation am Meeresufer von Rom, während des Sonnenuntergangs anlässlich der Undicesima Giornata del Contemporaneo aufgeführt. Dieser Tag ist der zeitgenössischen Kunst gewidmet und wird jährlich von der Vereinigung italienischer Museen und Galerien für zeitgenössische Kunst AMACI und dem MIBACT Ministero dei Beni e delle Attività Culturali e del Turismo, organisiert.

 

person with Schattenspiel, Gruß, Nel vento, con Ariel, (16’ 20”), ist eine Zusammenstellung aus dem Video person, eine SW Videoaufnahme eines tanzenden Kindes, das die menschliche Existenz in Verbindung zu dem globalen, unendlichen Zeitlauf darstellt.

 

Diese Videoarbeit ist Teil der Rauminstallation time and person, die derzeit, immer mit der Musik von Luca Lombardi, im MMKK Museum Moderner Kunst Kärnten, Kunstraum Burgkapelle, in Klagenfurt am Wörthersee bis September d.J. zu sehen ist.

 

Für die Aufführung im Italienischen Kulturinstitut Wien haben Lombardi und Hübner die musikalischen Werke Schattenspiel (für Flöte, 1984), Gruß (für Violoncello, 1994) und Nel Vento, con Ariel (für Flöte, 2004) in Verbindung mit dem Video person gesetzt. Musik, zu der sich die kleine Performerin für die Aufnahmen des Films tatsächlich bewegt hat.

 

Die Interpreten der Stücke sind Leonard Elschenbroich (Violoncello) und Roberto Fabbriciani (Flöte).

 

Terra with happen and unhappen, (18’ 30”) ist eine erstmalige gemeinsame Präsentation der Komposition Terra für Orchester von Luca Lombardi mit dem Videowork happen and unhappen, von Regina Hübner.

 

Terra hat Luca Lombardi im Jahr 2007 für das Ochestra Sinfonica Nazionale della RAI komponiert. Die zu hörende Version ist die Ausführung des Orchesters unter Leitung des Dirigenten Frank Ollu.

 

happen and unhappen ist eine der neuesten Arbeiten, bei der die Künstlerin sich mit der Unmöglichkeit befasst, Geschehenes ungeschehen zu machen, ein zentraler Aspekt unseres Lebens in der Zeit.

 

 

Jüngste Zusammenarbeiten von Hübner und Lombardi

time and person im MMKK Museum Moderner Kunst Kärnten, Kunstraum Burgkapelle in Klagenfurt am Wörthersee bis September 2016 zu sehen. Rauminstallation in der barocken Burgkapelle mit zwei großformatigen Videoprojektionen auf transluzide, frei im Raum hängende Bildträger und der eigens zusammengestellten Musik von Luca Lombardi. Dazu fand im Juni die musikalische Live-Performance Das Bild und die Flöte des Flötisten Roberto Fabbriciani statt, der die Werke Lombardis darbrachte. Kuratiert von Christine Wetzlinger-Grundnig, Direktorin. Begleittext von Arnulf Rohsmann.

Audiovisuelle openair Installation world I with Mare am Meeresufer von Rom, anlässlich der Undicesima Giornata del Contemporaneo, von der Vereinigung italienischer Museen und Galerien für zeitgenössische Kunst AMACI und dem MIBACT Ministero dei Beni e delle Attività Culturali e del Turismo, organisiert.

 

Luca Lombardi, am 24.12. 1945 in Rom geboren, gehört zu den international bekanntesten italienischen Komponisten.

Er studierte Klavier und Komposition in Italien (u. a. mit A. Renzi, R. Lupi, B. Porena), Österreich (mit K. Schiske) und Deutschland (mit K. Stockhausen, B.A. Zimmermann, P. Dessau).

1975 promovierte er in Germanistik an der Universität Rom “La Sapienza”.

Von 1973 –1994 war er Professor für Komposition, zunächst am “Conservatorio G. Rossini”, Pesaro, dann am “Conservatorio G. Verdi”, Mailand. Seitdem ist er freischaffend.

Er hat vier Open komponiert (Faust. Un travestimento, 1991, Dmitri, 2000, Prospero, 2006, Il re nudo, 2009), drei Sinfonien (1975, 1981, 1992), sowie zahlreiche Kompositionen für Orchester und Kammermusik, mit und ohne Stimmen. 

Er hat Aufträge bekommen von u. a.: Ircam, mehreren deutschen Sendern, Schweizer Radio, Italienisches Radio, Wiener Festwochen, die Opernhäusern Basel, Leipzig, Nürnberg, Rom, Mailand (La Scala).

Er war Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin (1988/89, 1995), am Hanse Wissenschaftskolleg Delmenhorst (1998/99, 2003/04, 2010, 2012), Gast des “Berliner Künstlerprogramm des DAAD” (Berlin, 1997) und verbrachte 2002 sechs Monate in Japan auf Einladung der Japan Foundation.

Gemeinsam mit einem Akustiker und einem Musikwissenschaftler, veröffentlichte er das Handbuch „Instrumentation in der Musik des 20. Jahrhunderts”, Celle, 1985.

Lombardi erhielt u.a. den Preis der italienischen Autorengesellschaft SIAE für seine Oper Faust. Un travestimento, sowie den Goffredo Petrassi-Preis.

Eine Auswahl seiner Schriften ist unter dem Titel „Construction of Freedom“ veröffentlicht worden (hrsg. von Jürgen Thym, Baden-Baden, 2006).

2014 erschien ein ihm gewidmeter Doppelband der „Musik-Konzepte“.

2015 wurde ihm von Bundespräsident Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

Er ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

Er lebt abwechselnd am Albaner See (Rom) und in Tel Aviv. 

Website Luca Lombardi: www.lucalombardi.net

 

Arnulf Rohsmann, Kunsthistoriker und Wissenschaftsautor speziell auf dem Gebiet des Zeitphänomens, nimmt Bezug auf die visuellen Erscheinungen wie Ausdehnung, Umkehrung, Verlangsamung, die in den Arbeiten von Hübner vorkommen und untersucht sie in Verbindung zu Aspekten der Zeit.

So wird zum Beispiel die simulierte Umkehrbarkeit in geschlossenen Systemen, die sich in Arbeiten wie happen and unhappen manifestiert, theorisiert und mit der visualisierten statischen und bewegten Zeit in Zusammenhang gebracht.

Den Titel des Projekts „temps – durée“ hat Regina Hübner direkt dem Essay Rohsmanns regina hübner / zeit entlehnt, eine Schrift des Autors zur Erstausstellung Zeit in der römischen Experimentalgalerie Change + Partner Contemporary Art und der die laufende Ausstellung time and person Hübners im MMKK Museum Moderner Kunst Kärnten begleitet und dazu publiziert wurde.

Rohsmann hat im Mai d.J. mit Regina Hübner das KünstlerInnengespräch regina spricht geführt, das im Rahmen ihrer Ausstellung im MMKK Museum Moderner Kunst Kärnten organisiert wurde und von dem die besprochenen Werke auf einer Videozusammenstellung im Museum MMKK zu sehen sind. Diese Besprechung wird demnächst in einer Zusammenfassung erscheinen.

Arnulf Rohsmann kennt das künstlerische Werk und die Arbeitsweise von Regina Hübner seit langem und speziell, neben der Werkgruppe Zeit (time), ihr Projekt Anonymus dedicated to Vally, das u.a. 2002 im Museum Moderner Kunst der Universität Rom MLAC, in Venedig in der Galerie Nuova Icona, Oratorio di San Ludovico, in den österreichischen Kultur Foren Mailand und Rom, und in den USA ausgestellt wurde.

Er hat zu Anonymus dedicated to Vally im Jahr 2003 an dem Symposium Der Autor trennt sich von seinem Werk mit Simonetta Lux, Patrizia Mania und Luciano Perez im Kultur Forum Rom und an dem Symposium Raum und Schicksal zwischen Kunstwerk und Autor mit Giancarlo Consonni, Gabriella Galzio und Carlo Sini im österreichischen Kultur Forum Mailand, im Jahr 2004 teilgenommen und dazu die Essays regina hübner / ogni pensiero vola – der autor trenn sich von seinem werk und regina hübner / was passiert im raum zwischen auto und werk? verfasst.

Arnulf Rohsmann ist Kunsthistoriker und Wissenschaftsautor und gilt als Experte des Phänomens „Zeit“ auf internationalem Niveau.

Neben zahlreichen anderen Publikationen ist Rohsmann Autor von Manifestationsmöglichkeiten von Zeit in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts, Olms und von Zeit / Los, Zur Kunstgeschichte der Zeit, Kunst Halle Krems, Dumont.

Lebt in Graz und Klagenfurt am Wörthersee

 

Zusammenfassung

temps – durée. Zeit, Dauer und Stillstand. Il tempo come distanza, il tempo come permanenza nennt sich das Projekt, das im Italienischen Kulturinstitut in Wien seinen Anfang hat und von der Künstlerin Regina Hübner konzipiert wurde.

Es werden Musikkompositionen von Luca Lombardi zu hören sein. Seine musikalischen Werke wurden in Gemeinschaftsarbeit von den beiden Künstlern mit den Videoarbeiten von Regina Hübner kombiniert und werden in dieser Form erstmalig in einer site-spezifischen audiovisuellen Installation im Auditorium des Italienischen Kulturinstituts dem Wiener Publikum vorgestellt.

Diese Gemeinschaftsarbeit interpretiert die Zeit in Verbindung zur menschlichen Existenz.

Der Kunsthistoriker und Wissenschaftsautor Arnulf Rohsmann spricht über die Zeit: das Konzept, das die beiden künstlerischen Komponenten verbindet, mit besonderem Bezug auf die Arbeiten von Regina Hübner.

Luca Lombardi wird persönlich seine musikalischen Werke einführen und die Verbindungen zum Thema besprechen.

Regina Hübner erläutert das Projekt, das in österreichischen und italienischen Kulturinstitutionen weitergeführt und in einem Kunstbuch dokumentiert werden wird.

Titel: temps – durée. Zeit, Dauer und Stillstand. Il tempo come distanza, il tempo come permanenza.

Ort: IIC Vienna, Italienisches Kulturinstitut Wien, Palais Sternberg, Ungargasse 43, Wien

http://www.iicvienna.esteri.it/IIC_Vienna

Datum: Dienstag, 21. Juni 2016, 19 Uhr

Event: Audiovisuelle Installation von Regina Hübner (Video) und Luca Lombardi (Musik). Einführungen durch Regina Hübner (Projekt), Luca Lombardi (Musik), Arnulf Rohsmann (die Zeit).


 

Zeit-Dauer - Luca Lombardi, IIC Italienisches Kulturinstitut Wien, 2016

 

 

 

Über Mare/World I

 

"Mare" (Meer) schrieb ich 2011/2012 zum größten Teil in Israel, wo ich seit einigen Jahren relativ viel Zeit verbringe. Kurz davor hatte ich eine Auftragskomposition für die Mailänder Scala geschrieben, "Italia mia" (Mein Italien), in der auch ein eigener Text vorkommt:

 

 

 

Su questo bel mare nostro si affacciano tanti paesi: Gibilterra, Spagna, Francia, Monaco, Italia, Slovenia, Croazia, Montenegro, Albania, Grecia, Turchia, Cipro, Siria, Israele, Palestina, Libano, Egitto, Libia, Malta, Tunisia, Algeria, Marocco.

 

Il mare è agitato e calmo, ci è amico e nemico.

 

Ma com’è bello il mare quando è calmo, e l'aria mite.

 

Su una spiaggia di Israele, mia antica e nuova patria – anzi “matria” – ascolto il rumore della risacca, sempre uguale e sempre diverso, e scruto l'orizzonte.

 

Immagino che, dall’altra parte del Mediterraneo, qualcuno, come me, sieda in riva al mare e scruti l'orizzonte.

 

Anche noi, come il mare, siamo calmi e agitati, amici e nemici.

 

Ma com’è bello quando, sereni, sediamo in riva al mare, e il mare è calmo.

 

 

Möglich, dass dieser nachdenkliche und gewiss auch optimistische Text in der neuen Komposition mitschwingt. Doch hat diese Komposition nichts mit einer politischen, schon gar nicht mit einer tagespolitischen Aussage zu tun. Es ist eine - ganz und gar musikalische - Reflexion über das Meer, das eine Welt für sich ist. Somit ist es auch eine Reflexion über die Welt selber - und über unsere eigene Stellung in ihr. 

 

"Mare" steht im Zusammenhang mit "Terra" (Erde), worüber ich später etwas sagen werde. Beide Stücke sollen eventuell später, mit "Vento" (Wind) und "Sole" (Sonne), einen vierteiligen Zyklus bilden.

 

Wenn man ein neues Stück komponiert – insbesondere bei Kompositionen mit einer  bestimmten Thematk wie "Italia mia“ oder  „Mare“ – spielt und klingt selbstverständlich Vieles mit, was sich in der musikalischen und Lebenserfahrung des Komponisten bewusst, halb-  oder unbewusst sedimentiert hat. Deswegen glaube ich sagen zu können, dass meine Kompositionen oft mit mir selber, meinem Leben, meinen Gefühlen und Emotionen zu tun haben. So ist zum Beispiel „Mare“ – das keine Programm-Musik ist (in dem Sinn wie es Debussys wunderbares "La Mer" ist), und bestimmt keine musikalische „Ansichtskarte“ – ein bewegtes, dramatisches Stück, das vielleicht mehr als meine Vorstellung vom Meer, meine allgemeine Vorstellung vom Leben widerspiegelt, die letzen Endes eine pessimistisch-tragische ist. Was nicht ausschließt, dass in meiner Musik auch Burleskes und Komisches vorkommt - ist doch das Leben im Grunde ein tragischer Scherz.

 

Wie ich schon sagte, handelt es sich hier nicht um Programmmusik, noch weniger um eine Abbildung des Meeres. Es handelt sich primär und grundsätzlich um ein Musikstück, das als solches wahrgenommen werden will und soll, das heißt gemäß einer „Logik“, die immanent musikalisch ist. Zwar habe ich im Stück auch versucht, Meereswellen strukturell in Klangwellen zu übertragen (worüber ich jetzt nicht weiter eingehe), doch dies bedeutet nicht, dass ich vom Hörer erwarten würde, dass er diese Wellen auch unbedingt sieht, bzw. hört. Selbst wenn dies der Fall sein sollte, ist es zum „Verständnis“ des Stückes nicht wesentlich.

 

Hier interagiert das Stück mir der Installation von Regina Hübner, wobei dies seine Rezeption affiziert, wie umgekehrt auch die Rezeption der Installation durch das Hören der Musik beeinflusst wird.

 

Ich kenne Regina Hübner seit einem Vierteljahrhundert. Ich habe den künstlerischen Weg von ihr verfolgt und sie hat ihrerseits meine musikalischen Erkundungen begleitet. Unsere Wege sind recht verschieden, nicht nur weil wir mit verschiedenen Medien arbeiten. Doch hat es im Lauf der Jahre immer wieder Begegnungen, Berührungs- und Schnittpunkte gegeben, wie auch heute hier in Wien. 

 

 

 

Über Schattenspiel/Gruss/Nel vento, con Ariel und time and person

 

Zwei Flötenstücke und ein Cello-Stück. Das erste Flötenstück ist aus den achtziger Jahren. Das kurze Cello-Stück aus den neunzgier Jahren und das zweite Flötenstück komponierte ich 2004, im Vorfeld meiner Oper "Prospero", nach Shakespeares "The Tempest", in der die Flöte eine wichtige Rolle spielt.

 

 

 

Über Terra/happen and unhappen

 

"Terra" entstand 2007. Das Wort hat im Italienischen, wie auch in einigen anderen Sprachen, unterschiedliche Bedeutungen:

 

der dritte Planet unseres Sonnensystems

 

das feinkörnige Gemisch (aus verwittertem Gestein, organischen Stoffen und Mineralien bestehend), das einen Teil der Erdoberfläche bildet und die Grundlage des Pflanzenwachstums darstellt; der Erdboden.

 

fester Boden, Grund, auf dem man steht; Untergrund;

 

begrenztes Gebiet, Land, zu dem eine emotionale Beziehung besteht;

 

irdische Welt; Welt als das von der Menschheit bewohnte Gebiet    

 

Ich hatte vor, etwas Tektonisches zu schreiben, etwas, was mit dem Erduntergrund zu tun hat, mit dem Erdbeben. Doch entstand die Komposition zur Zeit meiner ersten Besuche in Israel, die mich sehr beeindruckten, so dass ich nach wenigen Jahre die Staatsangehörigkeit beantragte. So reifte allmählich die Entscheidung, ein Stück zu schrieben, das auch mit diesem alt-neuen Land zu tun hatte. Terra, d.h. Erde heisst auf Hebräisch Aretz und mit HaAretz bezeichnet man auch das Land Israel. So wurde es auch ein Stück über Israel und ich zitiere drrin - wenn auch in alles andere als affirmative Weise - die wunderschöne israelische Hymne, HaTikva, zu deutsch: die Hoffnung.

 

Auch hier, wie im Falle von Mare, geht es um eine widersprüchliche musikalische Reflexion. Mich hat immer der Widerspruch, das nicht aufgehende, das mehrschichtig-komplexe interessiert.

 

 

 

Aus all dem, was ich über meine Arbeit sagte, versteht man, dass bei allem Unterschied unseres künstlerischen Weges, es eine Affinität zwischen den Fragestellungen im Werk von Regina Hübner und meiner eigenen Arbeit gibt. Reginas Arbeit hat eine philosophische Qualität, die aufs Ganze zielt. Sie stellt Fragen, die mit unserem Leben, mit unserer Welt, mit dem Sinn oder Unsinn des Ganzen zu tun haben. Letzte Fragen, auf die es keine Antworten, es sei denn tröstlich-kompromisslerische geben kann. So auch das Video, das wir heute sehen und zu dem meine - im ganz anderen Kontext entstandene - Musik gespielt wird. Doch ist es gut, dass diese Werke, so unabhängig sie auch voneinander sind, in Beziehung zueinander treten. Es wäre nämlich billig, Reginas Installation zu untermalen; genau so wohlfeil wäre es, meine Musik durch eine Installation von ihr zu illustrieren. Spannender ist es, dass diese eigenständigen Werke sich begegnen, aufeinander reagieren und dadurch neue Aspekte freigeben und sich im Glücksfall zu einer höheren Einheit ergänzen.